Gastkommentar: Das geltende Promotionsrecht verstärkt soziale Ungleichheiten
In: Die Zeit (Hrgs.): Newsletter Wissen3 vom 08. 03. 2021.

Wissenschaftskarrieren leben von vielfältigen Blicken auf unsere Welt. Von Promovierenden würde man erwarten, dass sie spätestens nach dem Master flügge werden und sich über ihre Alma Mater hinaus umsehen nach interessanten Projekten mit Promotions¬perspek¬tive.
Ein exemplarischer Blick auf die Promovierendenstatistik in Berlin ist allerdings ernüchternd (bundesweit liegen solche Detailauswertungen noch nicht vor): Von den insgesamt 10.400 im Jahr 2019 gemeldeten Promovierenden der drei großen Berliner Universitäten sind 40 Prozent einfach an ihrer Alma Mater geblieben. Weitere 7 Prozent haben ihren zur Promotion berechtigenden Abschluss ebenfalls in Berlin, aber an einer der zwei anderen Universitäten gemacht. Ein Grund für diese erstaunliche Sesshaftigkeit ist wohl, dass die dort Lehrenden ihren potenziellen Nachwuchs bereits im Studium informell rekrutieren, wie bereits frühere Analysen zeigten.
Die Kehrseite ist, dass so kaum Platz bleibt für Promotionsinteressierte mit HAW-Abschluss. Denn schaut man weiter in die Details der Statistik, kommen 27 Prozent der in Berlin Promovierenden aus dem Ausland. Dagegen ist nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Berlin braucht Internationalität. Ebenso gelingt es Kandidaten anderer deutscher Universitäten, die begehrten Promotionsplätze zu erhalten: 18 Prozent kommen von teils sehr namhaften Unis aus ganz Deutschland. Zieht man aber jetzt auch noch die nicht spezifizierbare Gruppe der „Sonstigen“ ab, bleibt wenig übrig. Nämlich genau 3 Prozent. Davon kommen 2 Prozent aus anderen Bundesländern. Das bedeutet: Nur 1 Prozent der Promovierenden in Berlin kommt von den landeseigenen HAW. Und das, obwohl 30 Prozent aller Berliner Masterabsolventen ihren Abschluss an den HAW machen!
Das ist ein bildungspolitisches Armutszeugnis. Aus den Sozialerhebungen weiß man, dass an den HAW der Anteil Studierender aus einer Familie, in der Vater und Mutter ein Hochschulstudium abgeschlossen haben, etwa halb so groß ist wie an Universitäten. Den HAW-Talenten bleiben also die Netzwerke der Universitätsabsolventen verschlossen. Und ohne Promotion keine Professur.
Ein HAW-Promotionsrecht für forschungsstarke Bereiche und für solche, bei denen es an Universitäten kein Forschungsgebiet gibt, ist daher auch aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit überfällig.

Prof. Dr. Anne König ist Vorsitzende des Hochschullehrerbundes Landesverband Berlin e.V. und Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Beuth Hochschule

Vgl. auch: https://newsletterversand.zeit.de